Wieder so ein Frühjahrstag – trist, nasskalt und stürmisch. Eben nicht das Wetter, bei dem das Biken die größte Freude macht. Na gut, dann also heute doch aufs Sofa. Eher gelangweilt und deprimiert, den Sonntag nicht auf dem Rad verbringen, zu können durchstöberte ich trotzdem die üblichen Bike-Portale nach Neuigkeiten. Artikel um Artikel. Seite um Seite. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, doch nichts Neues zu lesen, denn auch die vorherigen Wochenenden sahen ähnlich aus.
Kurz vor dem Wegnicken, ich erinnere mich nur sporadisch, las ich „24h Rennen am Stuttgarter Flughafen“. Mein Adrenalin schoss sofort durch meinen ganzen Körper und ich war wieder hellwach. Richtig, ich las richtig: Die baden-württembergische Landeshauptstadt bekommt 2015 ein eigenes 24h-MTB-Rennen. Wahnsinn! Und eines war sofort klar: Da musst du mitmachen! Endlich nicht mehr diese weiten Anreisen nach München oder Duisburg.
Parkhausbrücke

Sofort griff ich nach meinem Handy und durchforstete jegliche Kontaktlisten meiner sozialen Medien, um darüber zu informieren. Lange dauerte es nicht bis klar war, dass ich für mich einen neuen Saisonhöhepunkt festgemacht hatte. Ein Saisonhöhepunkt, bei dem mich Nico, Luca und Jonas begleiten würden. Yes! Schnell noch eine Whatsapp-Gruppe gegründet und los ging die Planung. Wenige Nachrichten später war klar, was jeder zu organisieren hatte.
Nachdem die Anmeldung ziemlich zügig erfolgt und der Platz fürs Fahrerlager ausgewählt war, checkte jeder in den kommenden Wochen seine festgelegten Doings auf Erledigung. Alles lief glatt. Alles war da. Erstaunlich reibungslos! Während wir per Whatsapp über die Abläufe am Renntag philosophierten, ging uns eine Sache immer wieder durch den Kopf. Einen Manager - wir brauchen einen Manager, der uns während des Renngeschehens motiviert, unterhält und immer wieder mit Köstlichkeiten versorgt. Natürlich sollte er auch taktische Raffinesse besitzen und die Uhr lesen können, damit wir rechtzeitig geweckt werden, denn unser Ziel war klar definiert: Podium!
Bereits nach kurzer Zeit war klar, dass wir jemanden gefunden hatten, der bereit war, sein gesamtes Wochenende aufzuopfern. Till. Sein Name ist Till – selbst radsportbegeistert und wahnsinnig genug, es mit uns aufnehmen zu wollen.  Herrlich! Noch so ein Fahrrad-Narr.
Die Tage flogen nur so dahin und der Renntag war gekommen. Als Nico, Luca, Jonas und Till bei mir an der Tür klingelten, war es soweit. Sack und Pack wurden noch schnell im Fahrzeug verstaut und los ging das Abenteuer.
Am Messegelände in Stuttgart angekommen, wurden wir durch die freundlichen Helfer der Veranstaltung zu unserem reservierten Platz, an dem wir unser Fahrerlager aufschlagen durften, geleitet. Wie zuvor: Alles lief reibungslos. Das Zelt stand in Windeseile, das Buffet mit Rennfressalien war angerichtet und die Schlafplätze hergerichtet. Jetzt stand Tills erste große Bewährung bevor. Die Akkreditierung. Natürlich lief auch hier alles nach Plan, unsere Nummer fünf machte einfach einen hervorragenden Job und wir hatten im nu Transponder und Startunterlagen an den Rädern angebracht.
Einige Minuten später rief unser Impresario zum nächsten Paukenschlag: „Jungs, Taktikbesprechung!“ Mit Stift und Papier bewaffnet skizzierte er die ersten Abläufe und Wechsel. Wir sogen seine einprägsamen Worte nur so auf und waren am Ende motivierter denn je.
Starterfeld

Endlich! Die Uhr schlug 15:00 Uhr und der Startschuss fiel. Einige Minuten nachdem die Einzelfahrer und Zweier-Teams gestartet waren, ging es auch für Luca in die verkürzte Einführungsrunde. Als dann die Start-/Ziellinie das zweite Mal überquert wurde, nahm der Rundenzähler seine Arbeit auf und wir waren mitten im Geschehen.
Sofort zückten wir im Fahrerlager immer wieder unsere Handys, um zu schauen, auf welchem Platz wir aktuell lagen. „Klasse Jungs!“, hieß es von Till. „Unsere Taktik scheint aufzugehen.“ Ein Blick auf die aktuelle Rangliste bezeugte das, was unser Manager immer wieder von sich gab. Platz 2! Doch leider war zu diesem Zeitpunkt erst ein Drittel der Zeit verstrichen.
So ein Mist! Das darf doch jetzt wohl nicht wahr sein. Neben der mittlerweile eingesetzten Nacht begann es unvorhergesehen zu regnen und zu stürmen. Arghhh! Das brauchte doch jetzt wirklich niemand.
Nun gut, immerhin mussten auch die übrigen 800 Teilnehmer mit den zum Teil widrigen äußeren Rahmenbedingungen jetzt klar kommen. Vorsicht war geboten, denn an einigen Stellen der Strecke verwandelte sich der Untergrund zu einer nicht einschätzbaren Rutschpartie. An dieser Stelle aber ein riesen Lob an die Veranstalter, die alles in Bewegung gesetzt hatten, um eine äußerst abwechslungsreiche und technisch anspruchsvolle Rundenführung zu gestalten.
Parkhaus2

Egal, ob es der Abschnitt über die A8 durchs Bosch Parkhaus war oder der Ritt über die Feldwege mit dem Blick auf die startenden und landenden Jumbo-Jets. Man spürte sofort, dass hier mit viel Fantasie und Know-How eine Strecke entworfen worden war, die einen einfallsreichen Kurs darstellte. Die etlichen mountainbiketypischen Elemente im Bereich der Start-/Ziellinie hatten wir so sicher nicht erwartet. Einfach genial!
Rampe

Mitternacht… Tatütata. Urplötzlich riss mich das Martinshorn eines Rettungswagens aus dem Schlaf. Scheinbar hatten nicht alle Fahrer so viel Glück wie wir und überstanden das Rennen blessurenfrei. Inzwischen machte uns das zunehmend schlechter werdende Wetter immer mehr zu schaffen. Unsere Rundenzeiten waren dafür der gedruckte Beweis. Zu unseren Ungunsten drehte jetzt das bislang drittplatzierte Team von bike-components richtig auf und unser Vorsprung reduzierte sich auf wenige Sekunden. Mist!  Über einige Stunden ging es jetzt hin und her. Mal standen wir auf dem Silbertreppchen, mal die Radsportler des Versandhauses.  
Felder
Als am Morgen die ersten Sonnenstrahlen unsere durchfrorenen, nassen und angestrengten Körper aufwärmten, schien klar zu sein, dass wir in der Nacht zu viele Körner hatten lassen müssen und folglich zu viel Zeit verloren hatten, um weiterhin um Platz 2 mitpedalieren zu können. Der Vorsprung der Rennfahrer vom Team bike-components betrug am frühen Vormittag inzwischen knappe zehn Minuten. Erstmals wagten wir einen von Ehrfurcht getrieben Blick auf das hinter uns positionierte Team. Entwarnung. Es gab keinen Grund zur Sorge, denn hier hielten wir den Abstand – auch über Nacht - im Mittel bei etwa 15 Minuten, was etwa einer Runde entsprach. Das fokussierte Ziel schien also in immer greifbarere Nähe zu rücken und löste noch einmal die letzten Kraftreserven. Obwohl bereits dreiviertel der Rennzeit nun absolviert war, fuhren wir Rundenzeiten, wie wir sie schon zu Beginn des Rennens ablieferten. Die Chance, unser Ehrgeiz und der eiserne Wille ein hervorragendes Ergebnis ins Ziel bringen zu können beflügelte uns immer weiter. Runde um Runde blendeten wir unser  angeschlagenes Befinden aufgrund der zunehmend schmerzenden Fasern unserer Körper aus. Auch das klappte bei allen erstaunlich gut.
Laufen
Als ich dann um 14:55 Uhr das letzte Mal in die Wechselzone einfuhr, um das Staffelbändchen an Nico zu übergeben, überflutete sich mein Körper mit Glücksgefühlen. Völlig erschöpft rannte ich zum finalen Wechsel, um Nico ein letztes Mal auf die 7,5 km lange Reise zu schicken. Mann, hatte ich ein Grinsen im Gesicht! Aufgrund des Zeitvorsprungs auf das viertplatzierte Team hieß es jetzt für Nico nur noch, heile zurückzukommen, denn unsere Verfolger durften in keine weitere Runde starten, da die Uhr auf der die Restzeit angezeigt wurde, bereits abgelaufen war.

Es schien also alles „klar wie Kloßbrühe“. Bis…,
ja, bis meine Freundin mich in Empfang nahm und so etwas stotterte wie: “Rundenstrafe!“ „Ihr bekommt eine Runde abgezogen!“ Ich antwortete völlig aufgelöst: „Du spinnst doch, das kann doch gar nicht sein!“ Meine Gesichtsfarbe glich nun dem weißgrauen Boden der Messehalle. Es schien, als sei der ganze Aufwand für die Katz gewesen. Und das nur, weil ein Überholmanöver wohl etwas zu ambitioniert von Statten gegangen war? Sollte unser sportlicher Ehrgeiz uns damit jetzt auf dem Kurs zum Podium im Weg stehen? Es begann eine hitzige Diskussion und Rechnerei, zu welchen Auswirkungen ein Rundenabzug führen würde. Doch am Ende war klar: Alles falscher Alarm – weder wurden wir mit einer Rundenstrafe für unterstelltes unsportliches Verhalten sanktioniert, noch hätte eine Rundenstrafe zum Abrutschen auf den vierten Platz geführt.
Siegerehrung

Und so verabschiedeten wir uns nach fairer Leistung vom ersten 24h Rennen am Stuttgarter Flughafen zwar völlig entkräftet, aber hochzufrieden und überglücklich mit dem 3. Platz von insgesamt 46 gewerteten Teams in der Altersklasse der Herren. (Gesamtalter des Teams unter 180 Jahre.) In der Gesamtwertung erreichten wir den 13. Platz von 163 teilnehmenden Teams. Nach den 80 absolvierten Runden des 7,5 km Tracks ergab sich eine durchschnittliche Rundenzeit von 17 Minuten und 54 Sekunden, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von über 25 km/h entspach.  
Zuletzt möchten wir uns bei allen Sponsoren, Unterstützern und Helfern bedanken, die es uns ermöglicht haben, überhaupt an den Start gehen zu können. Hier sind zu nennen:
−    das Radgeschäft zweiRAD Botenheim, die keine Kosten gescheut haben und uns eine top Teambekleidung, das Zelt und ein Mountainbike kostenfrei zur Verfügung gestellt haben.
−    die Radsport-Gemeinschaft Heilbronn, ohne die eine Anreise erst gar nicht möglich gewesen wäre. Vielen Dank für euren Teamwagen.
−    die atemberaubenden Momente die wir mit Till erleben durften. Danke für deinen Vollkörpereinsatz – und eines ist sicher: Über eine Vertragsverlängerung brauchst du dir sicher keine Gedanken machen.    
−    die vielen helfenden Hände während der Vorbereitung und des Renngeschehens im Hintergrund. Danke für Heizstrahler, Kuchen und unvergessliche Fotoaufnahmen. Und damit sind nur einige wenige von vielen kleinen Dingen angesprochen, die für sich einzeln betrachtet vielleicht nicht aufwendig erscheinen, in Summe aber ohne Unterstützung durch Familie, Freunde und Partner durch uns selbst nicht stemmbar gewesen wären.
Abschließend bleibt zu konstatieren: Wir kommen wieder!

Team Hardtwaldracers Nordhausen
Luca und Nico Hertner, Jonas Bleibdrey und
Constantin Kinast (Verfasser d. Artikels)

                                                                                                                 
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